Die Bankenbranche ist einem hohen Druck ausgesetzt- schnell verändernde Marktbedingungen, hoher Wettbewerbsdruck dank innovativer FinTechs und geringe Margen. Spätestens seit der Corona-Pandemie ist der digitale Wandel der Bankenbranche unaufhaltsam – dabei stehen insbesondere die IT-Systeme der Banken im Fokus, um sich gegen die Marktbedingungen zu wappnen und in der Bankenbranche durchsetzen zu können. In dieser schnelllebigen Marktsituation müssen auch die IT-Systeme der Banken flexibel und schnell anpassbar sein. 

In zwei Blogartikeln stellen wir einen Ansatz zur Gestaltung von agilen und flexiblen IT-Systemen in der Bankenbranche vor: Composable Banking. In diesem ersten Teil betrachten wir die aktuellen Herausforderungen der Banken-IT und erläutern die Grundlagen des Composable Bankings.  

 

I. Status Quo: IT-Landschaft in der Bankenbranche

In Zeiten von innovativen Finanzlösungen durch neue Marktteilnehmer und steigenden Kundenanforderungen, müssen traditionelle Banken Kunden schnell mit neuen Produkten und digitalen Kundenkontaktpunkten begeistern. Gemäß einer Studie der BCG gaben jedoch 86% der befragten Führungskräfte in der Bankenbranche an, dass die IT-Struktur von Banken kompliziert ist und somit ein Hindernis für schnelle Umsetzungen von digitalen Kundenkontakten darstellt.

Grund dafür sind Kernbankverfahren, welche historisch gewachsen sind und somit aus verflochtenen und komplexen Strukturen bestehen, sogenannte Legacy-Strukturen. Durch dieses ineinandergreifende System sind Änderungen, die in der heutigen digitalen Zeit notwendig sind, aufwendig und gehen mit hohen Markteinführungszeiten einher, z.B. bei Produkteinführungen, oder Adjustierungen des IT-Systems aufgrund gesetzlicher Vorgaben. Jedoch sind Veränderungen im Kernbankverfahren zwingend notwendig – steigende regulatorische Anforderungen hängen immer mit Anpassungen und Erweiterungen des IT-Systems zusammen und sind obligatorisch zu einem vorgegebenen Zeitpunkt umzusetzen. Dies setzt eine ausreichende Vorlaufzeit und hohe Aufwände für die Analyse, Entwicklung und die Qualitätssicherung voraus, da Kernbankverfahren traditioneller Banken Anpassungen des Systems nach einem vorgegebenen Releaseplan ausbringen. Dieser Releaseplan ist notwendig, um die Entwicklung, das Qualitätsmanagement und die Ausbringung zu koordinieren und das Kernbankverfahren vor Abbrüchen zu bewahren. Die Releases oder Upgrades gelten für die gesamte Bankanwendung – auch kleine Änderungen einzelner Komponenten oder Funktionalitäten bedürfen in der Regel eines Releases oder Upgrades. Da ein Kernbankverfahren aus höchst unterschiedlich diversen Komponenten besteht, welche zu abweichenden Zeitpunkten Funktionalitäten implementieren müssen, sind Häufigkeit und Komplexität der Releases und Upgrades gründlich zu planen. Allerdings ist auch dieser fest vorgegebene Releaseplan ein Grund für eine hohe Markteinführungszeiten, sichert jedoch auch einzuhaltende Qualitätskriterien gemäß regulatorischer Vorgaben.  

Gleichzeitig drängen immer mehr Wettbewerber auf den Markt der Finanzdienstleistungen und setzen die Bankenbranche zunehmend unter Druck. FinTechs - Start-Ups im Finanzbereich - , BigTechs - etablierte Technologieunternehmen, die auf den Finanzdienstleistungsmarkt vorstoßen, wie z.B. Apple mit dem Bezahldienst Apple Pay - und auch RegTechs - Start-Ups, die mit ihren Lösungen Regulatorikprozesse betrachten - sorgen dafür, dass mit ihren vielfältigen Innovationen im Finanzdienstleitungsbereich auch die Kundenerwartungen und -anforderungen in der gesamten Bankenbrache steigen. Um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Banken ihre Kernbankverfahren so gestalten, dass zum einen Innovationen eingebunden werden können, und zum anderen Anpassungen und Veränderungen des IT-Systems schnell umzusetzen sind. Composable Banking bietet einen Ansatz zur Gestaltung eines agilen und flexiblen Kernbankverfahrens und ermöglicht genau diese Voraussetzungen – simple Anpassung des Systems, Anbindung unterschiedlicher Komponenten und Innovationen und schnelle Markteinführungszeiten. 

 

II. Composable Banking

 

1. Definition und Funktionsweise von ComposableBanking  

Composable Banking liegt das Prinzip des Open-Bankings zugrunde, bei dem die Banking-Anwendung via Schnittstellen Lösungen von Drittanbietern anbinden und somit ihr bisher geschlossenes IT-System öffnet. Für traditionelle Kernbankverfahren, die bisher alle Komponenten des IT-Systems selbst entwickelt und angeboten haben, bedeutet dies, dass schrittweise die Entwicklung einzelner separater Prozesse an Drittanbieter abgegeben werden. Somit liegt die Verantwortung für die Gestaltung der unterschiedlichen Prozesse nicht bei einem, sondern bei mehreren Anbietern, die sich auf den jeweiligen Prozess spezialisieren und diesen von der Analyse der Anforderung bis hin zur technischen Entwicklung verantworten. 

Eine schrittweise Anpassung des Kernbankverfahrens ist jedoch nur dann effizient und effektiv, wenn die Prozesse und Komponenten im Kernbankverfahren exakt und gewissenhaft voneinander getrennt werden, damit einzelne Prozesse bereits modernisiert werden können, während andere Bereiche noch nicht angepasst wurden. 

Hier setzt das Composable Banking an: 

Composable Banking ist ein Ansatz zur schnellen, flexiblen Entwicklung und Bereitstellung von Funktionalitäten auf Grundlage von zusammengesetzten („composable“, engl., zu deutsch „zusammensetzbaren“) Systemen. Als agiler Ansatz betrachtet Composable Banking die Veränderung als Konstante, sodass laufend Anpassungen erfolgen.

Composable Banking trennt hierfür das komplizierte Zusammenspiel der dedizierten Anwendungen und Prozesse, die häufig in historisch gewachsenen IT-Systemen vorzufinden sind. Durch diese Trennung können einzelne Funktionalitäten unabhängig voneinander zusammengeschlossen werden und dadurch ein völlig neues und individuell anpassbares System erstellt werden. Damit diese Trennung realisierbar ist, ist eine End-to-End-Betrachtung, bei der Prozesse vom Bedarf des Kunden bis hin zur Leistungserbringung über alle Abteilungen hinweg betrachtet werden, vonnöten. Das Ergebnis ist eine Übersicht über die definierten End-to-End-Prozesse, die eine Grundlage zur Entscheidung bildet, welche Komponenten für das Geschäftsmodell notwendig sind und an das agile Kernbankverfahren angebunden werden müssen.  

Dies bietet die Möglichkeit, die für die eigene Bank am besten geeigneten Systeme und Funktionen auszuwählen und ein Kernbankverfahren zu erstellen, welches an das eigene Geschäftsmodell angepasst ist.  

 

a. Plattform

Im Gegensatz zu traditionellen Kernbankverfahren, die ihrerseits möglichst viele Prozesse und Anwendungsfälle an einer einzigen Stelle abbilden, steht beim Composable Banking ein schlanker Kern an zentraler Stelle. Eine solche Plattform beschränkt sich auf die Verwaltung von Kerndaten, wie etwa Kunden- und Produktdaten oder auch des Hauptbuchs der Bank und ist dabei in der Funktionalität auf die Abbildung grundlegender Prozesse beschränkt. Im Hinblick auf historisch gewachsene Legacy-Strukturen traditioneller Bankverfahren wird so eine Reduktion von Komplexität im Kern sowie Ressourcenintensität im Releasemanagement erzielt. 

Erweiterungen des Kernbankverfahrens werden nun durch an die Plattform angebundene, zusätzliche Komponenten realisiert. Sowohl die Komponenten als auch die Plattform selbst müssen dabei nicht zwingend von nur einem einzigen Anbieter in Anspruch genommen werden – Composable Banking erlaubt die Erweiterung der Plattform um unterschiedliche Systeme von Drittanbietern (siehe Abbildung 1). 

Dies verschafft den Vorteil, dass jede Bank, welche die Plattform nutzt, das für das eigene Geschäftsmodell am besten geeignete Kernbankverfahren selbst zusammensetzen und erstellen kann, indem gewählte Systeme an die Plattform angebunden und nicht benötigte Komponenten außer Acht gelassen werden. 

 

 

Abbildung 1: Banking-Plattform und Schnittstellen  

 

Composable Banking bedeutet trotz einer fest spezifizierten Plattform eine hohe Varietät in der Ausgestaltung der IT-Systeme. Dank der Individualisierung des Kernbankverfahrens und der optionalen Anbindung von Drittanbietern lassen sich auch innovative FinTech-Lösungen zeitnah umsetzen.

Gleichzeitig können Komponenten, die sich als nicht passend erweisen, wieder abgesondert und stattdessen Komponenten anderer Anbieter angeschlossen werden. Somit wird sowohl die Abhängigkeit an wenige bestimmte Anwendungsanbieter gesenkt, als auch die Hürden eines Softwarewechsels, da bei einem Wechsel im Rahmen von Composable Banking nur einzelne Komponenten getauscht werden, was zudem die Migrationskosten mindert.  

Verglichen mit traditionellen Kernbankverfahren ermöglicht dies eine enorme Anpassbarkeit und Flexibilität, die dem heutigen Anspruch an Agilität gerecht wird. Insbesondere in einem Branchenumfeld stetig verändernder und wachsender Kunden- und regulatorischer Anforderungen, muss das IT-System von Banken ebenso schnell und flexibel reagieren können. 

 

b. API- Application Programming Interface  

Um Systeme von Drittanbietern an die Plattform anbinden zu können, ist die Bereitstellung einheitlicher und gut dokumentierter Schnittstellen (API, engl. Application Programming Interface) vonnöten.  

Eine API ist eine Programmierschnittstelle, die es unterschiedlichen Programmen oder Systemen ermöglicht miteinander zu kommunizieren, also Nachrichten auszutauschen. Ihre Spezifikation gibt das Format der ein- und ausgehenden Informationen vor. Die Anbindung verschiedener Systeme ist somit nicht an eine Programmiersprache oder Laufzeitumgebung gebunden, einzig das Protokoll zum Informationsaustausch sowie das Format der eigentlichen Informationen folgt einer zuvor definierten Spezifikation.  

Die API ist somit keine eigenständige Serveranwendung oder Datenbank. Sie ist vielmehr Teil einer Anwendung, die Zugangspunkte zur Kommunikation von Anwendungen bereitstellt. 

Innerhalb der klassischen Schichtenarchitektur stellt sie die Fassade zur Außenwelt dar: eine angebundene Komponente richtet eine Datenabfrage an die API. Das Format von Anfrage und auch Antwort ist fest definiert, die anfragende Anwendung benötigt jedoch kein Wissen darüber, wie die andere Anwendung die angefragten Daten persistiert oder aggregiert.  

Der Vorteil ist, dass heterogene Anwendungen über einheitliche Schnittstellen zusammengebracht werden können, ohne dass die gesamte Codebasis an die jeweils andere Anwendung anzupassen ist. Zudem ist die Anbindung bestehender Komponenten via API – verglichen mit der Eigenentwicklung einer gesamten Komponente – wesentlich weniger aufwendig und kann zeitnah erfolgen. 

„Programmierschnittstellen sind der Schlüssel zum Erfolg“ – durch die Anbindung neuer Komponenten kann das Kernbankverfahren mit innovativen Funktionalitäten und Services versorgt werden – dies steigert die Kundenbegeisterung und -bindung. 

 

c. Cloud-Lösungen

Um ein Kernbankverfahren auszubauen, welches schnell und flexibel angepasst werden kann, sind moderne Technologien Voraussetzung. Zur flexiblen Gestaltung eines solchen Systems sind Cloud Computing und webbasierte Anwendungen zentral.  

Cloud Computing beschreibt dabei die Nutzung nicht-lokaler Rechenkapazitäten über ein Netzwerk. Kosten in der Anschaffung – aber vor allem beim Betrieb und der Wartung der Hardware sind stark reduziert, da die damit verbundenen Aufwände ausgelagert sind. Auch etwaige Leistungsgrenzen der Infrastruktur lösen sich auf, da bei Cloud-Lösungen eine höhere Rechenkapazität bei Bedarf kurzfristig angemietet – etwa zu Stoßzeiten – und auch wieder abbestellt werden kann, also eine schnelle Skalierbarkeit der Kapazitäten ermöglicht wird. Innerhalb der Informatik unterscheidet man zwischen horizontaler und vertikaler Skalierbarkeit. Vertikale Skalierbarkeit zeichnet sich durch das Hinzufügen zusätzlicher Ressourcen zu einem Knoten des Systems und einer damit einhergehenden Ausfallzeit aus. Ihr gegenüber steht die horizontale Skalierbarkeit, die ihre Leistungssteigerung durch das Hinzufügen zusätzlicher Rechenknoten erreicht und eine der größten Stärken des Cloud-Computings ist. Diese Art der Skalierbarkeit ist auch notwendig, denn ein agiles Kernbankverfahren mit kontinuierlichem Integrations- und Release-Management zielt auf flexible Erweiterbarkeit ohne Ausfallzeiten ab.  

Bei der Wahl eines Cloud-Anbieters ist im Sinne des Datenschutzes jedoch genau darauf zu achten, wo die Server lokalisiert sind und welche rechtlichen (Datenschutz-)Gesetze dem Standort zugrunde liegen.

Im zweiten Teil dieser Reihe werden die rechtlichen Rahmenbedingungen von Composable Banking und den technischen Komponenten sowie die Chancen und Herausforderungen betrachtet. Zudem geben wir Ihnen Tipps an die Hand, wie Sie Ihr IT-System schrittweise anpassen können. 

 

Christiane Trinczek
Autor: Christiane Trinczek
Christiane Trinczek ist als Business Analystin bei der BBHT Beratungsgesellschaft tätig. Ihre Erfahrung in der Finanzwirtschaft und ihre Kenntnisse über regulatorische und gesetzliche Anforderungen bringt sie seit 2019 in die Projekte der Kunden ein.

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