Im ersten Teil zu Composable Banking wurden die Herausforderungen der Bankenbranche beschrieben, die für einen immensen Wandel in der Branche sorgen.

Damit Banken sich in diesem schnelllebigen Markt durchsetzen können, ist die flexible Gestaltung von IT-Systemen von zentraler Bedeutung. Hier setzt das Composable Banking an: Composable Banking ist ein Ansatz zur schnellen, flexiblen Entwicklung und Bereitstellung von Funktionalitäten auf Grundlage von zusammengesetzten („composable“, engl., zu deutsch „zusammensetzbaren“) Systemen.

In Mittelpunkt steht dabei eine zentrale Plattform, an die weitere Systeme und Funktionalitäten über eine API  angebunden werden können.

Im zweiten Teil betrachten wir die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Chancen und Herausforderungen von Composable Banking.

Zum ersten Teil dieser Reihe gelangen Sie hier.

 

II. Composable Banking

 

1. PSD2 als Wegbereiter

API sind allerdings keine neue Erfindung - im Gegenteil: Schnittstellen werden bereits jetzt in der Finanzbranche verwendet. Wegbereiter für die Öffnung der IT-Systeme von Finanzdienstleistern gegenüber Drittanbietern ist die PSD2-Richtlinie, welche seit September 2019 gilt.

Gemäß der PSD2-Richtlinie sind Banken bzw. Bank-IT-Dienstleister verpflichtet, Schnittstellen bereitzustellen, die auf Kundenwunsch von anderen Anbietern und Banken genutzt werden können.

Dabei wird der Information- und Funktionsumfang der jeweiligen Schnittstelle vom Onlinebanking vorgegeben – d.h. alle Informationen, die im Onlinebanking zur Verfügung stehen, sind über die Schnittstelle übertragbar.

Ziel der PSD2-Richtlinie ist es, die Finanzbranche zu innovieren. Sie ermöglicht neue Geschäftsmodelle, bedroht aber gleichzeitig traditionelle Banken mit ihren Legacy-Strukturen. Spätestens mit Veröffentlichung dieser Richtlinie ist es für Banken unumgänglich, ihre IT-Systeme den sich verändernden Marktbedingungen anzupassen. Andernfalls werden Banken von neuen Marktteilnehmern mit modernen Finanzlösungen überholt.

 

2. Chancen und Herausforderungen von Composable Banking

Ein agiles Kernbankverfahren im Sinne von Composable Banking bietet den Banken diverse Marktvorteile. Der offensichtlichste Marktvorteil ist die erhöhte Wettbewerbsfähigkeit durch die schnelle Anpassbarkeit des Systems sowie der Produktpalette und den angebotenen Funktionalitäten und Komponenten. Die Flexibilität des IT-Systems und eine verkürzte Markteinführungszeit sind elementar für die Wettbewerbsfähigkeit von Banken, um sich gegen Wettbewerber, wie z.B. FinTechs, BigTechs und RegTechs, zu behaupten. Nur mit einer Anpassung der IT-Systeme ist auch eine effiziente und effektive Transformation des gesamten Geschäftsmodells einer Bank möglich.

Auch die Hürden und Aufwände von steigenden regulatorischen Anforderungen können mithilfe eines agilen Kernbankverfahrens verringert werden – durch die Auslagerung einzelner Komponenten können entwicklungs- und wartungsaufwendige (und folglich kostenintensive) Bereiche, wie z.B. das Meldewesen, abgegeben und die Fokussierung auf das Kerngeschäft und die Kernprozesse der Bank verstärkt werden.

Die Konzentration auf das Kerngeschäft findet sich auch in der Individualisierung des Kernbankverfahrens wieder. Durch gezielte Auswahl und Anbinden von Systemen, die mit dem eigenen Geschäftsmodell harmonieren, können wichtige Prozesse im Unternehmen unterstützt, verbessert und verschlankt werden.

Banken haben die Möglichkeit, ein individuelles Kernbankverfahren zusammenzustellen und dabei Innovationen von weiteren Marktteilnehmern zeitnah einzubinden - dies bietet auch Bankkunden einen echten Mehrwert.

Der Mehrwert von Composable Baking kann sich auch monetär bei den Banken niederschlagen. Durch die gezielte Auswahl an IT-Komponenten muss nur für die Funktionalitäten gezahlt werden, die die Bank tatsächlich benötigt und in Anspruch nimmt. Traditionelle Kernbankverfahren stellen in der Regel ein standardisiertes Kernbankverfahren dar, in dem eine breite Palette an Funktionalitäten und Prozesse abgebildet werden, um unterschiedliche Kerngeschäftsfelder und Geschäftsmodelle unterschiedlicher Banken anzusprechen. Einige dieser Funktionalitäten haben jedoch wenig Relevanz für die eigene Bank und müssen aufgrund der IT-Komplettlösung jedoch ebenfalls finanziert und bezahlt werden. Ein weiterer Kostenvorteil kann durch die sinkende Abhängigkeit eines einzigen Anbieters realisiert werden. Mit steigendem Angebot von Systemen durch neue Marktteilnehmer steigt auch die Vielfalt und Auswahl von Lösungsmöglichkeiten. Die Bank kann die Lösung wählen, die sowohl für das Geschäftsmodell als auch für das Budget am besten geeignet ist.

So einfach das Prinzip des Composable Bankings auch klingen mag - das Anbinden und Abstoßen von Komponenten ist jedoch nicht so mühelos wie das Zusammensetzen und Auseinandernehmen eines Puzzles. Für jede Änderung an der gesamten Anwendungslandschaft müssen technische und fachliche Auswirkungen analysiert und getestet werden, um den regulatorischen Anforderungen gerecht zu werden. Die hohe Anzahl an zusammengesetzten Einzelsystemen erhöht zwar die Flexibilität, allerdings auch die Aufwände eines entsprechenden Risikomanagements gemäß der Bankaufsichtlichen Anforderungen an die IT (BAIT). Gemäß BAIT Tz. 51 sind bei jedem Einbinden einer weiteren Software bzw. Komponente „die damit verbundenen Risiken angemessen zu bewerten“. Das Anbinden mehrerer Drittanbieter ermöglicht zwar ein geeignetes Kernbankverfahren, setzt allerdings ein effizientes Management des übergreifenden IT-Systems und der Drittanbieter voraus. Neben der Bewertung der möglichen Risiken von Auslagerungen sind die Banken laut MaRisk und BAIT angehalten, insbesondere bei wesentlichen Auslagerungen geeignete Risikovorkehrungen zu treffen. Gemäß MaRisk AT9 Punkt 6 sind Banken unter anderem dazu verpflichtet, „Vorkehrungen zu treffen, um die Kontinuität und Qualität der ausgelagerten Aktivitäten und Prozesse auch nach Beendigung zu gewährleisten“. Die erhöhte Anzahl an Auslagerungen bedingt folglich steigende Aufwände im Risikomanagement von Banken.

Bei der Wahl von geeigneten Lösungen für das Kernbankverfahren spielen insbesondere bei Cloud-Lösungen die Standorte der Server und damit einhergehende Datenschutzbestimmungen eine zentrale Rolle. Die Auswahl des Cloudanbieters ist durch die US-amerikanischen Technologieunternehmen, wie Microsoft, Google oder Amazon, geprägt. Diese stehen jedoch in der Kritik hinsichtlich Datenschutz und -sicherheit aufgrund unterschiedlicher Datenschutzbestimmungen zwischen den USA und der EU. Um den Datenschutz der Kunden- und Geschäftsdaten zu gewährleisten und sicherzustellen, sind Risikoabwägungen und -Entscheidungen hinsichtlich der Auswahl eines Cloud-Anbieter gründlich und fundiert zu treffen.

 

  Abbildung 1: Banking-Plattform und Schnittstellen

 

III. Fazit und Ausblick

 

1. Fazit

Agile Kernbankverfahren sind somit eine Voraussetzung, damit Banken ihre Geschäftsmodelle an die sich verändernden Marktbedingungen anpassen können und daher von zentraler Bedeutung für eine notwendige Transformation. Composable Banking erlaubt ein schnelles Reagieren auf Trends und Innovationen, indem neue Lösungen via Schnittstellen an das eigene System angebunden werden. Durch diese Innovationen und ein somit neues Bankingerlebnis wird Kundenbegeisterung geschaffen, was in einer umkämpften Branche die Kundenbindung stärkt . Durch die gezielte Auswahl einzelner Komponenten für das IT-Ökosystem werden eigene Kernprozesse verschlankt, die IT individuell auf die eigenen Bedürfnisse angepasst und Kosten für die Infrastruktur optimiert. Composable Banking bietet daher Banken in der wettbewerbsstarken Bankenbranche signifikante Marktvorteile.

 

2. Ausblick

Spätestens seit der PSD2-Richtlinie kommt keine Bank um Schnittstellen herum. Die damit verbundene Veränderung der IT-Systeme von Banken hin zu Plattformen findet bereits unaufhaltsam statt. Dies lockt auch Marktteilnehmer wie FinTechs, BigTechs und RegTechs an, sodass davon auszugehen ist, dass perspektivisch immer mehr Drittanbieter Lösungen für einzelne Banking-Bereiche entwickeln und bereitstellen werden. Damit auch traditionelle Banken von den Innovationen der Marktteilnehmer profitieren können, werden Kooperationen eine immer größere Rolle spielen. Schon heute fördern einige Banken mit Inkubatoren gezielt FinTechs, um sich rechtzeitig diese Innovationen exklusiv zu sichern.

Allerdings sollte der Aufbau des agilen Kernbankverfahrens und die Anbindung von Drittanbietern vorausschauend geplant werden – bereits jetzt planen die Regulatoren mit BIRD eine eigene Initiative zur Transformation des Reportings. Diese Initiativen müssen in die Planung der eigenen IT-Systeme bedacht werden, sodass eine gezielte IT-Strategie unerlässlich ist.

Durchsetzen werden sich somit die Banken, die eine strukturierte und zukunftsfähige IT-Strategie haben, die sowohl dem eigene Geschäftsmodell als auch den hohen Kundenanforderungen und regulatorischen Anforderungen gerecht wird.

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Christiane Trinczek
Autor: Christiane Trinczek
Christiane Trinczek ist als Business Analystin bei der BBHT Beratungsgesellschaft tätig. Ihre Erfahrung in der Finanzwirtschaft und ihre Kenntnisse über regulatorische und gesetzliche Anforderungen bringt sie seit 2019 in die Projekte der Kunden ein.

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